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    BBC rügt SBB: Ticket-Politik ist «PR-Desaster»

    20Min. Bericht von P. Dahm - Gerade noch feierte die BBC die Schweiz für ihren «fantastischen öffentlichen Nahverkehr». Doch nun erhalten die SBB einen Rüffel. Schuld ist das neue Ticket-System.

     

    Wenn es um die Schweiz geht, geraten BBC-Journalisten schon mal ins Schwärmen. «Viadukte aus Kalkstein, schneebedeckte Gipfel, mit Schwänen gespickte Seen und smaragdgrüne Täler - die Schweiz bietet Szenarien, von denen man nie genug bekommt», schwelgte der britische Medienriese noch im vergangenen Sommer.

     

    Dabei könne man sich auf den «fantastischen öffentlichen Nahverkehr» verlassen. «Das Bahnsystem der Schweiz wird in Sachen Fortschrittlichkeit und Nutzung durch Einheimische nur vom japanischen geschlagen.»

    Heute ist diese Begeisterung jedoch Ernüchterung gewichen, berichtet die BBC-Korrespondentin nach London: «Die Schweizer Liebesbeziehung zur Bahn kühlt ab», lautet der Titel ihres Rapports.

     

    «Alles begann mit der Entscheidung, den Billettverkauf in Zügen einzustellen», ärgert sich die britische Autorin. «Die Schweizer waren lange stolz auf ihre Eisenbahnen, doch eine neue, strenge Billett-Politik hat die Liebesbeziehung abgekühlt.» Auch wenn es neue Möglichkeiten zur Bezahlung wie etwa per Handy gebe, beurteilt sie die Ticket-Politik der SBB als «bitteres PR-Desaster».

     

    Die Negativbeispiele

    Drei Beispiele führt sie an, die ihre These belegen sollen: Erstens sei ein junger Mann gebüsst worden, weil er sein Billett per Stift entwertet, nachdem die Stempelmaschine am Perron nicht funktioniert hat. Zweitens habe ein Pensionär, der mit seinem Enkel unterwegs war, eine Strafe zahlen müssen: Der Junge habe beide Billette per Handy bezahlt, doch von diesen elektronischen Tickets darf pro Person nur eines gekauft werden. Beim dritten Fall handelt es sich um die Journalistin selbst. Ihr Problem: Sie hat den Fahrschein zu spät gekauft.

    Weil der Zug bereits vier Minuten rollte, als sie per Natel das Billett kaufte, hat sie die Fahrt ohne gültiges Ticket angetreten. Erst «mehrere Wochen später» habe sie überhaupt begriffen, welches Vergehens sie beschuldigt wird. «Umsonst die Proteste von 750 Passagieren in der Schweiz, die täglich ähnliche Bussen bekommen», endet der Bericht lakonisch. «Die Schweizer Bahn hat etwas verloren: die gute Beziehung zu ihren Kunden.»

     

    «Klassische» Probleme

    Kurt Schreiber, Präsident der Vereinigung «Pro Bahn», nennt die beschriebenen Probleme «klassisch», sagt mit Blick auf die BBC-Reporterin aber auch: «So geht es natürlich nicht. Die Frau hätte sich bei den SBB melden sollen. Wenn ein Automat auf einem Perron kaputt ist, ist das ein Grund für eine Rückerstattung. Man muss den SBB nur einen Brief schicken.» Das Kontrollpersonal würde ausserdem täglich über ausgefallene Billett-Geräte informiert, weiss Schreiber.

    Dass die Dame blechen musste, weil sie das Ticket nur wenige Minuten zu spät gekauft hat, ficht der Bahn-Verfechter nicht an. «Man muss das Billett nun mal kaufen, bevor die Fahrt beginnt. Bei einem Konzert kann man ja auch nicht später zahlen.» Und auch der junge Mann, der seinen Fahrausweis mit dem Stift entwertet hat, findet bei Schreiber nach der Umstellung auf das neue Ticket-System keine Gnade mehr. «Da könnte ja jeder schnell den Stift zücken, wenn der Kondukteur den Wagen betritt», erklärt er. «Es geht um den Schutz der ehrlichen Kunden.»

     

    0,1 Prozent Schwarzfahrer

    Ins selbe Horn stösst SBB-Sprecher Christian Ginsig, der betont, dass das Gros der Kunden auf der richtigen Spur sei. «Pro Tag werden in Zügen der SBB weniger als 1000 Fälle auf eine Million Reisende registriert, was einer Quote von 0,1 Prozent aller Reisenden entspricht. Statistisch reist auf zwei Fernverkehrszüge ein einzelner Passagier ohne Ticket.» Er beteuert, dass mit den Bussen keinerlei Kasse gemacht werde - die Einnahmen betragen demnach nur einen Bruchteil des Schadens, der durch Schwarzfahren entsteht.

     

    «Unser Ziel ist es, dass die Kunden vor Reiseantritt ein Billett lösen», so Ginsig. Bereits bestehende Verkaufskanäle wie Billettautomaten oder -schalter an Bahnhöfen seien deshalb gezielt durch Vertriebswege wie Internet und Mobilfunk erweitert worden. Das sei beim Passagier angekommen: «Die Kennzahlen der Billettpflicht zeigen, dass diese breit akzeptiert und auch bei den Kunden bekannt ist.»

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    Kommentare: 4
    • #1

      A. Schiesser (Donnerstag, 14 März 2013 10:15)

      Die Bermuda-Zonen
      Bericht vom 13.3.13

      Heute um 15:15 habe ich eine Busse für Fahren ohne gültigen Fahrausweis erhalten, obwohl ich einen gültigen Fahrausweis hatte. Wie schon am Morgen auf dem Hinweg nach St. Gallen hatte ich mir zusätzlich zum ZVV-Kantonsabonnement ein Billet gekauft für die betreffenden Zonen im St. Galler Ostwind-Verbund. Als urbane ÖV-Benutzerin bin ich es mir gewohnt, dass man in Zonenverbunden Anschluss-Billete kaufen kann, wenn man mal weiter fährt als sonst, daher lag mir dieser Schritt auch hier nicht fern. Ich war also sowohl auf dem Hin- wie auf dem Rückweg im Besitz eines gültigen Fahrausweises für nahtlos alle durchfahrenen Zonen – auf dem Hinweg nach St. Gallen wurde mir von der Kontrolleurin bei der Billetkontrolle auch keine anderweitige Information gegeben.

    • #2

      A. Schiesser (Donnerstag, 14 März 2013 10:16)

      Als die Fahrausweiskontrolleurin auf dem Rückweg nach Zürich jedoch mein Billet kontrollierte, machte sie mich darauf aufmerksam, dass mein Fahrausweis vom Ostwind-Verbund nur bis Wil (da hielt der Zug als letztes) gültig sei. Etwas verdattert sagte ich ihr, dass ich alle Zonen bis Aadorf – also bis zur Verbundgrenze – gelöst hätte. Daraufhin belehrte sie mich, dies zähle nicht, da der Zug nicht halte an der Verbundgrenze – ich hätte also zwischen Wil und Winterthur (dem nächsten Halt) kein gültiges Billet. Ungläubig erklärte ich der Zugbegleiterin nochmals, dass ich ein ZVV-Abo für den ganzen Kanton Zürich, also bis an die Verbundgrenze nach Winterthur habe, und das Billet für die restlichen Zonen im Ostwind-Verbund nahtlos als Anschluss gelöst hätte – für alle durchfahrenen Zonen war also bezahlt. Sie erwiderte daraufhin etwas ungehalten, das müsse ich ihr doch nicht erklären, sie arbeite schliesslich hier. Der Zug halte aber nicht zwischen Winterthur und Wil, der Zonenübergang zähle daher nicht und ich hätte somit nur von St. Gallen bis Wil und von Winterthur bis Zürich ein gültiges Billet, aber dazwischen nicht. Mittlerweile kam ich mir ziemlich blossgestellt vor, vor all den anderen Passagieren, denn ich hatte ja nach bestem Wissen ein Billet gekauft und wurde jetzt behandelt, wie wenn ich schwarz gefahren wäre. Ich bin noch nie schwarz gefahren, und die ganze Situation wurde mir immer unangenehmer, da ich zu Unrecht als Übeltäterin abgestempelt wurde. Um die Situation zu entschärfen und ein Missverständnis ein für allemal auszuschliessen fragte ich nochmals nach, ob das denn wirklich möglich sei, da ich für die ganze Strecke nahtlos alle durchfahrenen Zonen gekauft hatte, auch diejenigen zwischen Winterthur und Wil. Barsch antwortete mir die Zugbegleiterin: „Das isch halt eso, so sind d Reglä!“ Mir erschien das leider immer noch unlogisch, und die Argumentation der Zugbegleiterin, dass das nun mal einfach so sei, löste das Problem nicht wirklich. Auch meine Sitznachbarin warf spontan ein, dass bei solchen Regeln noch einer den Durchblick haben solle, sei eine Zumutung. Die Zugbegleiterin liess sich aber trotz meinen Fahrausweisen und Logik nicht davon abbringen, meine Adresse aufzunehmen. Danach hielt sie mir den Zettel unter die Nase, um die Adressangaben per Unterschrift zu bestätigen, was ich ohne Umstände gleich tat. Als ich dann auf die Kopie des Belegs blickte, den sie mir gegeben hatte, entdeckte ich aber eine Zahl: 95.70 CHF. Jetzt erst merkte ich, dass sie mir ohne ein Wort der Aufklärung eine saftige Busse ausgestellt hatte, die ich, ohne es zu wissen, auch noch per Unterschrift bestätigt hatte. Wäre die Situation nicht so schon unangenehm genug gewesen für mich, was einen gewissen Druck, fast schon Nötigung bewirkt, und wäre ich von der Zugbegleiterin nicht hinters Licht geführt worden mit der Aussage, dass ich mit meiner Unterschrift nur die Adressangaben bestätige, hätte ich wohl nicht unterschrieben. Denn die Busse ist für mich alles Andere als verständlich: Ich hatte für alle durchfahrenen Zonen gültige Fahrausweise, nur scheint deren Gültigkeit gemäss Regeln der SBB irgendwo in den Bermuda-Zonen zwischen Wil und Winterthur verschollen zu sein. Genauso wie vermutlich leider, trotz der Ungerechtigkeit, die 95.70 CHF im Schlund der SBB-Inkasso verschwinden werden. Was bei mir übrigens den Eindruck hinterlässt, als verfolge die SBB solche Bussverfahren strategisch als Einnahmequelle. Wenn die Begründung so schwach ist, kommt einem die Bestrafung eben eher spanisch vor. Dieser Eindruck wird noch verstärkt von der Tatsache, dass ich beim Billetkauf auf der SBB-iPhone-App in keinster Weise darauf hingewiesen wurde, dass man nicht über Verbundsgrenzen hinaus reisen kann, wenn der Zug nicht hält. Ich hatte also gar keine Möglichkeit, diese speziellen Regeln zu kennen – Sanktionen sind allerdings nur gerechtfertigt, wenn Regeln auch klar kommuniziert werden. Es ist fraglich, ob die SBB in dieser Hinsicht ein sauberes Spiel spielen. Ich nehme mir auf jeden Fall fest vor, das nächste Mal wieder an den Schalter gehen und persönlich das Billet zu lösen, damit nichts schief läuft. So werden dann nebenbei auch Arbeitsplätze gesichert.
      Spannend war, dass - kaum war die Zugsbegleiterin weg – aus den Mitreisenden Sympathiebekundungen und andere Bekenntnisse nur so heraussprudelten: Einige sprachen mir Mut zur Gegenwehr zu, Andere erzählten ähnliche Geschichten von Neffen und anderen Verwandten, denen das Zonen-Paradoxon auch schon zum Verhängnis geworden sei. Wie es scheint, gibt es auf vielen Strecken solche Bermuda-Zonen, welche die Gültigkeit gekaufter Fahrausweise verschlingen, aber Bussen ausspucken.

    • #3

      W. Schreier (Freitag, 15 März 2013 13:35)

      Ich kann leider obiges nur bestätigen.
      1. Wie kann ich als Kunde wissen, dass der Zug auf dem ZVV gross angeschrieben steht an Orte fährt, die dem ZVV nicht angehören. Und dass man dann eine Busse kriegt? Im Lebensmittelhandel gibt es einen Skandal, wenn Lasagne mit Rindfleisch draufsteht und innen Pferdefleisch den Profit maximiert.
      2. Der Trick mit dem Zettel mit dem man dokumentiert, dass man kein Billet hat, ist mir kürzlich auch passiert. Ich fuhr von Paris nach Winterthur. In Zürich stempelte ich versehentlich meine Flughafen-Winterthur Mehrfahrtenkarte statt der Zürich-Winterthur Mehrfahrtenkarte (die sehen beide zu verwechseln ähnlich) und fuhr so schwarz von Zürich nach Flughafen. Ich wurde prompt erwischt. Ich habe das Billete Paris-Zürich gezeigt und bewiesen, dass ich die richtige Mehrfahrtenkarte im Portemonnaie hatte. Hat nichts genützt. Ich habe auch den Bussenbrief erhalten und war schockiert. Der Brief ist in einem Ton gehalten, der annimmt, dass man regelmässig schwarz fährt und das selbstverständlich vorsätzlich.
      Ich fahre seit Jahrzehnten Zug und habe bis jetzt 2 Bussen erhalten, die obigen 2. Nach jeder Busse ist das Image der SBB drastisch gesunken und leider nicht mehr angestiegen. Und das, obwohl ich weiss, dass es auch bei der SBB viele Angestellte gibt, die ihr Bestes geben, den Blödsinn von oben nicht immer und überall 1:1 weiter zu geben. Ihr Spielraum wird aber von Jahr zu Jahr deutlich geringer.

    • #4

      Dubach Roger (Montag, 04 Mai 2015 23:51)

      Scheissverbindung Zürich-Rapperswil vom 4. Mai 2015 Zeit 22.28h ab Zürich Stadelhofen. Bus fährt nicht mehr nach Kaltbrunn. Nie mehr SBB