Reklamationszentrale Schweiz
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    Beschwerdeflut wegen Handyfallen

    Ein Konsumentenschützer registriert eine explosionsartige Zunahme von Reklamationen wegen unwissentlich abgeschlossener Sexfilm-Abos. Der Präsident einer beschuldigten Firma kritisiert nun die Handynutzer.

    Obligo AG und PayPay AG

    Quelle: Bericht von Felix Schindler auf tagesanzeiger.ch (13.11.2014)

    Hans-Ulrich Hunziker sieht sich als Opfer. Er ist Verwaltungsratspräsident der Firmen Paypay und Obligo. Diese stellen Rechnungen für Dienstleister in der sogenannten Erwachsenenunterhaltung aus. Ohne Umschweife heisst das: Hunziker treibt im Auftrag einer Porno-Website die Abogebühren von 80 Franken pro Monat ein. Das Problem ist, dass immer mehr Abonnenten auftauchen, die sagen, nie ein Abo gelöst zu haben. «Das ist ein orchestrierter Shit-Storm, der darauf abzielt, eine ehrenwerte Firma mit rechtschaffenen Mitarbeitern kaputt zu machen», sagt Hunziker.

     

    Am 11.11.2014 zeigte der «Tages-Anzeiger» auf, wie die Branche funktioniert, wie schnell man ein Abo abschliesst, ohne es zu merken, und wie die Firmen an die Natelnummern und Adressen der Handynutzer kommen. Zuvor berichteten auch die Konsumentenschutzmagazine «Kassensturz», «Espresso» und «Beobachter». Hunziker betonte stets, seine beiden Firmen seien lediglich für die Rechnungsstellung zuständig, mit den Abos habe er nichts zu tun. Für diese ist die Pulsira Limited mit Sitz in London zuständig. Die Adresse der Schweizer Niederlassung – Zürcherstrasse 161 in Zürich – existiert nicht. Und wer die Nummer des Schweizer Büros wählt, wird mit einem Automaten verbunden.


    Reklamationsbrief über 3000 Mal heruntergeladen

    Unklar ist, wie viele Menschen sich durch diese Masche getäuscht fühlen. Reto Puma vermutet, dass es Tausende sind. Seine Firma heisst Reklamationszentrale und sammelt unter anderem die Beschwerden, die wegen unwissentlich abgeschlossener Abos eingegangen sind. Die erste datiert vom 13. Februar. Im März waren es 12 Beschwerden, im April 28. Seither steigt die Zahl permanent an, bis sie im Oktober erstmals auf über 200 Klagen innert Monatsfrist kletterte. Insgesamt wandten sich seit dem 13. Februar 822 Personen wegen angeblich ungerechtfertigter Geldforderungen von Obligo, Paypay und einer dritten Firma, der Inkassolution, an die Reklamationszentrale. Zum starken Anstieg der Beschwerden sagt Puma: «Es scheint, als hätten die Firmen zu einem Endspurt angesetzt.»

     

    Puma stellt seinen Kunden einen Musterbrief zur Verfügung, mit dem sie die Forderungen anfechten können. Dieser sei seit Anfang September 3160 Mal heruntergeladen worden. Der Anwalt Peter Dähler, der sich ebenfalls mit Handyfallen befasst, sagte gestern zum «Tages-Anzeiger»: «Ich halte es für ausgeschlossen, dass sich alle diese Personen zu Unrecht beschweren.»

     

    «Eine elegante Tour entdeckt»

    Das bestreitet Hunziker. «Ich garantiere Ihnen, dass jedem der 822 Fälle ein korrekter Vertragsabschluss zugrunde liegt. Jeder Kunde hat zugestimmt, ein Abo zu lösen und hat eine Dienstleistung bezogen. Hätte er dies nicht gewollt, hätte er das Abo innert drei Tagen jederzeit ohne Kosten kündigen können. So, wie dies der Journalist des ‹Tages-Anzeigers› auch getan hat.» Wenn das stimmt, wie erklärt sich Hunziker, dass so viele Menschen das Gegenteil behaupten? Das sei eine Folge des Shit-Storms, die Kunden würden regelrecht dazu animiert, Beschwerden gegen seine Firma zu führen. «Zum Teil sind das sicher Leute, die sich um ihre Zahlungspflicht drücken wollen und glauben, eine elegante Tour entdeckt zu haben.» Sehr viele weitere Kunden, ist Hunziker überzeugt, hätten Rechnungen von anderen Firmen erhalten, weil sie über Swisscom Easypay Abos abgeschlossen hätten, ohne sich dessen Gewahr zu werden. Doch weil Paypay und Obligo so im Fokus stünden, würden die verärgerten Kunden immer diese beiden Firmen verantwortlich machen.

     

    Swisscom-Sprecher Olaf Schulze sagt zu diesem Vorwurf: «Alle Anbieter von Mehrwert-Dienst-Abonnements sind seit Anfang Dezember 2013 vertraglich dazu verpflichtet, bei ihren Angeboten eine Check-out-Seite zu schalten, bei der sämtliche fernmelderechtlichen Verpflichtungen inklusive Preisbekanntgabepflicht eingehalten werden.» Seither habe sich die Anzahl Kundenanfragen zum Thema halbiert.

     

    Die Menge an Beschwerden deutet laut Hunziker übrigens nicht darauf hin, dass mit seinem Geschäftsmodell etwas nicht stimme. Einerseits zweifelt Hunziker daran, dass die Zahl von 822 Beschwerden überhaupt korrekt sei. Andererseits sei die Zahl verglichen mit den Zigtausenden zufriedenen Kunden «bescheiden». 

     

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